Sie nannten es den magischen Ort.
Tatsächlich brachte die Eigenart des Ortes, möglicherweise eine Art von Magnetismus in den Bergen , verborgene Kristalle oder was immer diesen Zustand hervorrief, eine Form des Vergessens mit sich. Man vergaß den Rest der Welt, obwohl er hier täglich aufs Neue in Gestalt der ankommenden und abreisenden Personen anwesend war. Dies erschien mit der Zeit ebenso wie die Wellen der Gezeiten, die auch manchmal größer und wilder waren, dann wieder freundlich. Wer blieb, wurde zu einem Bestandteil des Ganzen. Und das waren dann eben sie, die mithilfe des magischen Ortes ebenfalls geheimnisumwittert erschienen. Wer sie einmal gewesen waren, interessierte nicht mehr.
T.C.Boyle
T.C. Boyle
Vielleicht schrieb ich schon einmal über ihn? Ich bin lange ein Fan dieses Schriftstellers gewesen, er ist aus meiner Zeit sozusagen. Nun bekam ich das neue Buch: „Blue Skies“, der Titel wurde nicht ins Deutsche übersetzt. Und ich mochte dieses Buch überhaupt nicht leiden!
Im Grunde war es nichts Neues, ich erinnere ähnlich grandiose Beschreibungen von Katastrophen aus früheren seiner Bücher, in denen sie mich wirklich mitrissen. Dem Prozess einer Frau, die zur Alkoholikerin wird, mochte ich aus persönlichen Gründen nicht nahe kommen. Er mochte sie aber wohl auch selbst nicht wirklich. Ein bisschen boshaft und bösartig geht er ja mit ihnen um, seinen Figuren, die so realistisch sind.
Und das ist glaube ich der Punkt; früher schien so ein Szenario hyperrealistisch, und übertrieben.
Heute ist es real.
Die Realität dieser Amerikaner ist nicht die meine, aber was auf der Welt los ist, ist so viel schlimmer und unvorstellbar Gewesenes nimmt Gestalt an…ich finde, er hat sich da irgendwie drum herum gedrückt. Oder sind die Leute wirklich so ….Es gibt keine Lösung, richtig.
Vor dem Lesen sah ich noch die ausführliche Dokumentation auf arte über T.C.Boyle, wirklich interessant! Ist schon ein eigenwilliger Kauz.
Und er ist aber auch ein Star der Literatur, der sich nicht mehr anstrengen muss.
Spiegel-Bestseller, in letzter Zeit lese ich ständig solche, und wenn so viele Leute so Aufgeklärtes lesen, warum bleibt die Welt dann trotzdem so? Weil die meisten gar nicht lesen?
T.C. Boyle schreibt, um zu schreiben. Das glaube ich ihm, dass er das braucht,und daher ist es unerheblich, ob ich das Buch mag. Für Viele ist das Buch vermutlich wichtig, weil die die anderen seiner Wälzer nicht kennen, und hier vielleicht in angenehm aufbereiteter Form das äußerst Unangenehme unserer Realität – serviert bekommen.
Warum denke ich immer an Schlammlawinen, und Dummheit, ich werde manche Szenen nie vergessen, obwohl ich die Titel gar nicht mehr weiß.
Blaue Himmel übrigens…haben sie die in Kalifornien und Florida,….hier sehe ich die eher selten.
2023.
Ausnahmemenschen
Manchmal denke ich, dass ich mein Leben mit Menschen verbracht habe, die anders sind. Menschen, die sich auch nicht anpassen konnten, was das miteinander auskommen immer schwierig machte. Aber nur diese verstehen doch, was ich meine. Gestern kam eine Freundin vorbei und brachte eine Tasche voller alter Bücher mit, von denen ich mir welche aussuchen sollte.
Und das erste Taschenbüchlein, welches ich herausholte: es war der erste Roman von Anais Nin: Leitern ins Feuer. Wie sehr ich mich darüber freue! Anais Nin war meine erste Seelenverwandte ( abgesehen von Karl May und Huckleberry Finn ), sie fand in meiner Jugendzeit die Worte, die ein Innenleben, ein Seelenleben beschrieben. Worte, die es sonst nicht gab. Tagebücher, geheimnisvoll, empfindungsvoll.
Das ist lange her und noch mehr zu ihrer Zeit, da war auch sie ein Ausnahmemensch. Selten wird man verstanden. Aber es hilft, sich selbst zu verstehen.
Was fand ich noch in der Tasche? Es war Marguerite Duras „Der Liebhaber“, ebenfalls eines dieser Werke, die ich geliebt hatte, und welches später auch verfilmt wurde.
Und „Die Rose von Jericho“, Sergio Bambaren, kenne ich nicht und werde ich vielleicht auch nicht lesen mögen. Oder doch? Es handelt vom Alkoholismus, ein Thema das ich für immer hinter mir gelassen habe, Jahrzehnte. Ich wäre nicht einer dieser hilfreichen Leute, die anderen dabei helfen, daraus auszusteigen. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Es schmerzt, Betrunkene zu sehen, zu erleben.
Verachte ich sie, verachte ich auch etwas von mir.
Aber bin ich noch, was ich mal war? Nö. Viele Leben in einem, wie Inkarnationen, die an einem vorüberziehen in einer Rückführung, alten Fotos, wie eine Fremde scheine ich mir da. Ich bin anders.
Ich habe soviel dazugewonnen.
Ky2022
Buch: Großmutters Haus
von Thomas Sautner, Roman, Picus Verlag Wien 2019
Das Buch ist ein hübsche hardcoverausgabe mit Umschlag und Lesebändchen in grün. Waldgrün. Dies ist keine große Geschichte. Es ist eine kleine Geschichte, in der es um das große Ganze geht. Das eigene Leben, die Literatur, die Wahrheit, – Gott und die Wörter.
Es könnte ein Klischee sein: die alte Dame, die im Wald lebt mit Kräutergarten der besonderen Art. Die moderne Hexe aus dem Bilderbuch. Wenn man nicht so genau wüsste, dass es das gibt. Das Umschlagbild des Bandes wird von Cannabisblättern geziert, so dass man durchaus annehmen könnte, es sei ein humorvoller kluger Anstupser zur Legalisierung von Drogen. Aber nein, so platt ist es nicht wie es ausschaut. Es geht nämlich um den richtigen Umgang, mit allem.
Das Intro ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Welt der Bücher, und welche Bedeutung die für manche haben kann, dem echten Leser spricht es aus dem Herzen. Dennoch, aus Sicht der Enkelin jener alten Dame im Wald erleben wir, wie es ist, sich zu sehr in der Parallelwelt anderer aufzuhalten und das eigene Leben eine Nebensache werden zu lassen.
Das eigene Leben als Wert zu erkennen, darum geht es auch. Auf wunderbare, ja märchenhafte Weise erzählt sind hier zwei Wochen, in denen sich das verändert für die junge Frau. Es ist ein mutmachendes, unaufgeregtes Buch. Und so sagt es uns, dass es auf jedes einzelne Wort ankommt, von uns, von jedem.
Es sagt uns auch, dass es heilsame Entwicklung gibt. Was mir am besten daran gefallen hat: Die Sprache.
Die Einfälle. Das Tal der Dichter. Die Beobachtung des Alltäglichen. Die Nebenfiguren. Die Pflanzennamen. Die Abwesenheit von moralischem Zeigefinger. Die Vielfalt der Welt im kleinsten Raum.
Es ist die Geschichte einer Entfaltung.
Ich habs viel zu schnell gelesen. Noch einmal mit Genuss. Zitat aus dem Buch: „Und weil ich das Leben nicht verstand, möcht ich´s einmal noch beschreiben„
co) Kayute
Löwe
Stell dir vor, du bist ein Löwe in einem Zoo. Scharen von Besuchern strömen vorbei und viele wollen mit dir in Kontakt treten. Du erzählst ihnen dann, wie es so ist, als Löwe in einem Zoo, und berichtest von deinen Tätigkeiten.
Und von der Zeit, als Löwen nicht im Zoo, sondern frei waren. Was Löwe sein eigentlich bedeutet. Aber das macht dich ein wenig traurig, weil sie es nie verstehen werden. Zwei drei Kinder kommen, mehr. Sie verstehen es mit leuchtenden Augen. Sie verstehen im Spiel. Sie werden zu Löwen.
Es kommt der Tag, an dem du mit ihnen durch das Tor gehst und sie in die Freiheit der Löwen begleitest.
