Schreib-Etüden

Februar 2026, initiiert von Christiane, mit der Wortspende Putzmacher- spitzfindig-abkupfern

Charlotte

Charlotte wurde geboren als eine von fünf Schwestern. Die Eltern hatten ein Milchgeschäft. Das Mädchen bekam einen edlen Namen, der alsbald zu Lotte abgekürzt wurde, ebenso wie Grete, Klärchen und Martha und Liese. Im Alter von acht Jahren wurde Lotte zu einer unverheirateten Tante gegeben, die einen Putzmacher -Laden führte. Das hat mit dem Putzen, wie wir es heute sagen, nichts zu tun. Sie stellten Hüte her und allerlei Tand, mit dem sich Damen zu schmücken pflegten. Schöne Stoffe und Glitzerwerk fanden sich dort. Spitzfindig wurden die Entwürfe aus den ersten Modemagazinen abgekupfert, um immer auf dem neuesten Stand zu sein, auch wenn man dem Stand der Reichen und Adeligen nicht angehörte.

Dann starb die Tante.

Lotte, wie sie ihr späterer Mann Hermann immer nannte, musste wieder Kühe melken. Doch sie wusste ihr erworbenes Können anzuwenden und nähte…wunderschöne Kleider, mit denen sie sich des Abends heimlich fortstahl, um auf den Dorftanz zu gehen. Zum Melken musste sie in der Frühe wieder zurück sein, nach einem langen Fußmarsch im Dunkeln.

So begegnete sie dem Müllergesellen Hermann, der noch auf Wanderschaft durch die Lande war, die schöne Charlotte aber nicht vergaß und sie heiratete, als er eine Mühle zur Anstellung bekam.

Zeit ihres Lebens nähte Charlotte Kleider und brachte dies auch ihren beiden Töchtern bei. Die Jüngere, Elsa, nähte für ihre beiden Töchter noch viele Jahre die Kleidchen, bis dies aus der Mode kam. Die trugen dann Jeans und nie mehr Kleider.

Charlottes Schwestern blieben in Wuppertal und die Familie widmete sich der Bordürenweberei, die zum Aufputzen beitrug. Viele Röckchen wurden nach Familienbesuchen mit Litzen und Spitzen verziert.

PS: Auf den Fotos meine Oma Charlotte und Opa Hermann, sowie Oma mit mir und meiner kleinen Schwester

5 Antworten auf „Schreib-Etüden

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    1. es ist eine wahre Geschichte, und eine Fortsetzung, nun, würde dann später in die Fluchterzählung meiner Oma münden, die mit vier Kindern aus Preussen flüchten musste. Die hat sie sehr oft erzählt. Sie wurde 95.

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  1. Wie anders das Leben zu ihrer Zeit noch war, das können wir uns heute schon fast gar nicht mehr vorstellen – und die ganz Jungen schon gar nicht. Ich mag ja sehr, wenn/dass sich Familiengeschichten in die Etüden schleichen, und wie schön, dass du uns auch noch alte Familienbilder dazu zeigst! Danke dir sehr für diese Etüde mit dem Ausflug in die Vergangenheit!

    Herzliche Vormittagsteegrüße! 😉

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