Das Museum für Gletscherarchäologie feierte in diesem Sommer sein 25jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass wurden Vorträge gehalten, Führungen und ein internationales Treffen der Handwerksexperten für Flint und Steinzeitkleidung und Ledergerbung geboten, bei dem die Besucher zuschauen durften.
Besonders der eingefrorene im Gletscher gefundene Altmensch- allgemein Ötzi genannt nach seinem Fundort- sollte einmal ausgestellt werden in seinem Kühlraum. Ein bisschen gruselig war das vielleicht.
Am Abend setzten sich bereits die ersten Ankömmlinge um ein Feuer und besprachen die Termine, sie grillten und bruzzelten -natürlich Fleisch. Manche aßen gar nichts anderes im Bestreben, so echt wie möglich zu sein als Mensch der Alt und Mittelsteinzeit, sowie der Vertreter des Eiszeitmuseums. Der Duft lockte die Tiere des nahen Waldes und erweckte ihren Futterneid.
Sämtliche Habe und Kleidung des Ötzi waren bereits in Kursen nachgemacht worden und insgesamt waren alle Teilnehmer gut ausgestattet. Man schlief in Rentierfellschlafsäcken.
Allerdings war der Sommer recht warm.
So begab es sich, dass in der Nacht bei tiefer Stille, abgesehen von einigen penetranten Schnarchern, im Museum selbst der Strom ausfiel. Die Mischbatterie hatte den Wechsel von Solardach zum Stromnetz nicht geschafft. Niemand merkte es. Der Kühlraum wurde wärmer und der Ötzi taute auf. Als er erwachte, war er sehr verwundert. Er sah nicht viel, und tastete sich an merkwürdigen Wänden entlang. Wer hatte ihn hier eingesperrt, er war doch auf der Flucht gewesen!?
Nun, irgendwie fand er einen Weg hinaus, und erblickte dort im Außengelände manches Vertraute, so dass er sich in einem Dorf wähnte. Sofort erweckte die glimmende Feuerstelle mit den Essensresten sein Interesse. Es erschien ihm nicht sehr gefährlich.
Manches verstand er einfach ganz und gar nicht…diese Bewohner schienen Zauberer zu sein und vielleicht sollte er sich doch erst einmal verstecken und beobachten.
Am nächsten Morgen versammelten sich verkaterte Bewohner des temporären Dorfes und teilten die Aufgaben zu. Ein Gewirr aus verschiedenen Sprachen begann und man kannte sich ja nicht immer.
Aus dem Museum ertönten Schreie: Der Ötzi war gestohlen worden! Um Himmels Willen! Die Polizei wurde sofort benachrichtigt, allerdings sollte das vor dem Publikum doch lieber geheim gehalten werden. Als um 11 Uhr die Türen geöffnet wurden, breitete sich schon ein Hitzeflimmern aus auf dem Gelände, das nicht viel Schatten bot.
Kleine Grüppchen beugten sich über ihre jeweiligen Arbeiten, trugen aber nur noch Lendenschurze , die Mädchen kurze Kittel aus Rehleder mit fantasievollen Fransen und Gürteln, wie man sie noch nie in irgendwelchen alten Gräbern gefunden hatte.
Fast sahen sie aus wie Nacktcamper auf einem naturnahen Platz.
Nun sah der Altzeitmensch im Wald den Moment gekommen, sich zu nähern. Er fiel ja gar nicht so sehr auf. Tatsächlich erreichte er einige junge Leute, die sich am Flintschlagen von Pfeilspitzen versuchten, eine sehr schwierige Kunst. Er sah eine Weile zu und ergriff dann seine Chance: Mit zwei Steinen zeigte er den anderen, wie es geht.
“ Ach du bist sicher der Experte aus Finnland“, Ubu? “ fragte man ihn. Grmpff. Er lächelte scheu. Ubu, warum nicht. Bewundernswert geschickt stellte er diese Werkzeuge her! Ubu/Ötzi beobachtete, dass die anderen ganz ähnliche Kleidung trugen wie er, konnte sich aber an diesen Stamm überhaupt nicht erinnern. Sicher, er war immer weit gewandert, mit Schuhen , das war ein enormer Fortschritt. Hier schien man barfuß zu laufen, einen Barfußpfad gab es durch das ganze Dorf. Aber nun erschienen ganz seltsame Leute in bunten Fetzen, mit Rucksäcken die rollten, und allerlei mehr, so dass Ötzi doch zweifelte, ob er nicht in einem Traum war oder etwa schon in der Anderswelt, wo sich Gestaltwandler und Dämonen herumtreiben sollten.
Das ganze Dorf wurde bereits von Sicherheitskräften umstellt und durchsucht, während der lebendige Ötzi immer mehr Zulauf fand und bewundert wurde.
Mittags ging die ganze Truppe zur Außenküche, wo andere bereits ein Mahl zusammengestellt hatten aus Beeren und Eiern, aus Hühnerbeinchen und Brennesselgemüse, so dass Ötzi eindeutig nun das ganze Erleben einem Traum zuordnete. Nur Igel in Lehm gebacken schien man nicht zu kennen.
Herr K, der Museumsleiter, irrte verzweifelt durch die Häuser und hoffte, die Presse würde keinen Wind von der Sache bekommen, dass sie ihr wichtigstes Ausstellungsstück verloren hatten, gar einzigartig und unersetzlich. Er kannte diesen Ötzi in-und auswändig.
Und so war es gar nicht verwunderlich, dass ihm dieser Gast auffiel, der so kunstreich und wortkarg die Pfeilspitzen herstellte, einen ganzen workshop um sich versammelt. Herr K. glaubte seinen Augen nicht zu trauen!
Was sollte er tun? Man würde ihn doch glatt für verrückt halten. Aber- das konnte man sich doch nicht entgehen lassen- ein lebendiger Ötzi war tausendmal besser als so ein eingefrorener. Dieser Meinung war Ötzi auch, und er merkte schnell, dass er einen Freund gefunden hatte, der sich nun um ihn kümmerte. Besser konnte das Leben doch gar nicht sein, vor allem nicht mehr so kalt wie auf dem Gletscher.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch….-

797 Wörter
Die Geschichte wollte mir nicht mehr aus dem Kopf…https://steinzeitpark-dithmarschen.de/Ich habe schon öfter an diesem jährlichen Steinzeittreffen teilgenommen, welches Nächste Woche vom 21. bis 25. Juli wieder stattfindet. Man darf gespannt sein, ob sich dort ein echter Steinzeitjäger findet.


Du kannst uns ja berichten, ob du Ötzi dort hast ausmachen können. 😉 Ich habe mich bei dem Gedanken sehr amüsiert, dass Ötzi auftaut und damit wieder lebendig wird. Und dass du ihm quasi ein Happy End verpasst hast, freut mich am meisten. Was wären wir ohne Freunde?
Ich bin schon oft an dem Wegweiser zum Steinzeitpark vorbeigekommen, war aber noch nie dort. Danke für den Tipp, auch wenn ich eher nicht auf das Treffen scharf bin.
Danke für dein zweites Intermezzo! 😀
Abendgrüße 😀
LikeGefällt 1 Person
ich mache bald mal ein paar Fotos…
LikeGefällt 1 Person
eine köstliche Geschichte! Wunderbar, wie sich hier zwei Welten begegnen, und am Ende ist es ein und dieselbe.
LikeGefällt 2 Personen