Lara
Eigentlich ist das doch super! Lara steht unter der Dusche in der Pension, das Wasser ist nicht heiß. Aber egal. Sie ist erledigt, aber viel zu aufgeregt, um sich auszuruhen. Es war so eine Überwindung, allein loszufahren, und nun hat sie zum Glück gleich jemanden gefunden, mit dem sie nicht allein ist. Das sieht doch einfach doof aus, denkt sie, allein rum sitzen oder essen gehen. Auch wenn dieser Typ ihr Papa sein könnte, oder gerade deswegen. Nun, jedenfalls hatte sie solche Befürchtungen und Berechnungen angestellt.
Aber gleich zu einer Party, draußen, und was bitte, soll sie dazu anziehen? Es scheint, in ihrem riesigen Rucksack befindet sich nicht ein einziges Teil, dass sie anziehen könnte. Sie holt sie alle raus. Trekking, das geht ja wohl gar nicht.
Man möchte sofort ein neuer Mensch werden, mit neuen Kleidern. So fühlt sich das an. Sie ist kein Mädchen. Sie ist fast 30. Genau die Zeit, in der man alles umschmeißen will und sich neu erfinden, weil das ganze noch nicht zufriedenstellend war. Und darum ist sie ja allein unterwegs. Eine Selbstfindung, dafür war ihr dieser Ort so empfohlen worden von einer Freundin. Es bedeutete wohl eher, dass frau hier jederzeit einen neuen lover finden konnte. So verstand die Freundin das, und gewiss, auch so kann man sich selbst finden. Oder suchen. Es wurde aber auch die fantastische Naturlandschaft erwähnt und wilde Berge, Wanderwege, Wale, Delphine. Einen Zeitplan gab es nicht.
Als Lara vor die Eingangstür trat, die von großen Pflanzentöpfen umrahmt war, umfing sie die Wärme der Luft wie eine liebevolle Umarmung. Sie fühlte sich. Sie trug nun sogar ein Kleid, ihr einziges, und es war schwarz. So sagten es alle, in der Stadt, natürlich, ein schwarzes Kleid ist immer richtig. Als sie der kleinen Gasse abwärts folgte, an einigen Bars vorüber, kleinen Obstläden und auch solchen mit Kleidern, die mittlerweile wieder geöffnet waren, hörte sie bereits die Wellen des Ozeans. Es war gerade um die Ecke. Da tat sich der Ausblick auf das Meer auf, über dem Horizont neigte sich die Sonne bereits gen Westen herunter. Die Promenade war erfüllt von Klängen eines runden Instrumentes, welches ein bunt gekleideter Mensch mit den Fingern spielte. Das ganze erinnerte Lara an eine Filmszene, und sie selbst war da nun mitten drin. Im dunklen Sand unterhalb der Promenade lagen und sassen Leute in Grüppchen, sie tranken und unterhielten sich, kleine Kinder spielten. Und nachdem sie eine Weile auf der Mauer gesessen hatte, fand sie sich auch nicht mehr fehl am Platze. Denn es gab hier kein richtig und falsch, hier trug wohl jeder am Leibe, was er wollte. Da zeigten sich abenteuerliche und bunte Gestalten.
Indessen war der Nachmittag vorangeschritten, die Kinder waren aus der Schule nach Hause gekommen, einige Kilometer weiter oben am Berg, der recht steil aussah, wässerte Eagle mit einem Schlauch seinen Garten. Für ihn war der Garten sein Zuhause. Er hatte sich vor einigen Jahren hier niedergelassen, auch er ein Flüchtiger der Gesellschaft, und hatte sich ein grünes Reich erschaffen, über das seine Nachbarn nicht immer ganz glücklich waren. Für sie, auf dem Land ihrer Väter aufgewachsen, wie sie gern sagten, hatte es Nahrung hervorzubringen. Das Wasser war kostbar, und man konnte es doch nicht einfach für Blumen verschwenden. Man hatte kleine Terassen dem Berge abgetrotzt, mit harter schwarzer Erde, von Steinmauern eingefasst, und von jeher war es mühsame Arbeit gewesen, hier Mais, Bananen und Kartoffeln hervorzubringen.
Die verschwenderische Fülle also, die der halbnackte braungebrannte dürre Mann um sich herum spürte, war ein seltenes Paradies, sein persönliches und doch hatte er die ganze Erde im Sinn, wenn er den Pflanzen seine Liebe gab. Noch schien vielen hier die Welt in Ordnung und sie sahen sogar in Bananenplantagen ein Paradies, und damit war schon alles gesagt. Für Eagle waren die Heilpflanzen, die Bäume mit Papayas und Avocados, Salbei und Jasmin und so viele mehr seine Freunde, die Eidechsen, die im trockenen Laub der Bourgainvillea raschelten, und über allem die Sonne, für deren Wirkung er sorgfältig die Ordnung im Garten so gestaltet hatte, dass es Schatten gab, wo er nötig war. Eagle kam mit den Menschen nicht ganz so gut zurecht. Sie verstanden ihn irgendwie einfach nicht. Aber hier ging es, man war freundlich und ohnehin kannte jeder jeden. Und so hatte er sich tatsächlich vorgenommen, seine Scheu heute zu überwinden und sich an den Strand zur Vollmondparty zu begeben. Die natürlich von seinen deutschen Bekannten organisiert wurde. Man konnte ja auch am Rande sitzen, im Dunkeln und auf den Mond gucken.
Paradoxerweise linderte das die Einsamkeit, die im Innern da war, auch ohne mit jemandem reden zu müssen. Vor allem die warme Luft umarmte einen so, als sei man ein Fisch im Wasser. Ein etwas merkwürdiger Vergleich, vielleicht…dachte Eagle amüsiert. Aber gerade das war es ja, weshalb ihn niemand verstehen wollte. Er sprach in Bildern und seltsamen Vergleichen, manchmal schien er zu fantasieren oder hielt Monologe über Mutter Erde.
Zwar sangen auch die anderen spirituell angehauchten Wesen in kleinen Kreisen Lieder über Mutter Erde, fühlten sich dabei wohlig und als gute Menschen, doch was Eagle da so erzählte, von Umwälzungen, früheren Leben….
Für Eagle waren die vielen Welten, die er parallel sehen konnte, ganz selbstverständlich und eben so erzählte er auch. Darum nannte er sich auch Eagle, der Adler, der über allem schwebend den Überblick hat. Er tauchte aber auch gern mal unter in einer der Welten, einer der Rollen, die ihm die früheren Leben gaben, und wirkte dann mitunter merkwürdig. Wer ihn kannte, hatte sich daran gewöhnt. Man sah ihn ja nicht sehr oft.
„Igel?“ fragte Lara erstaunt, als Eagle ihr von Primo vorgestellt wurde. Sie fand die beiden im schwarzen Sand sitzend, und musste die Sandalen ausziehen, um durch den tiefen warmen Sand zu waten, in dem sie bis zu den Knöcheln einsank. Die beiden kicherten. „Eagle wie Adler“ sagte Eagle freundlich und erheitert. Er betrachtete sie neugierig. Lara lächelte und sagte erst mal nichts mehr. Um sie herum fanden sich etliche Sonnenuntergangsanbeter, während die Sonne sich tiefer senkte, es war ein besonderer Moment. Einige packte Trommeln aus. „Ich glaube, das Trommeln zum sunset gibt es seit dreißig Jahren“ sagte Primo. „Ich bin immer wieder gekommen. Wenn es ging, jedes Jahr.“ „Aber das ist anders als hier zu bleiben.“ warf Eagle ein. “ So viele träumen das ganze Jahr davon, und bleiben trotzdem in ihren alten Rollen stecken und wollen die vermeintliche Sicherheit auch eigentlich nie aufgeben. “ “ Ja, das ist doch verständlich“ meinte Lara. “ Was tauscht man dafür ein?“ „Du wirst schon sehen.“ Und ja, es war ein erhebendes Erlebnis, in dieser Weite, vor dem Ozean den Himmel zu betrachten, die Menschen und sogar die Gebäude schienen hier so klein. Der Berg hinter ihr nahm eine rotgoldene Farbe an und das gesamte Panorama wirkte grandios. Manche wollen die vermeintliche Freiheit nicht aufgeben, dachte Primo so bei sich. Und tun dafür alles. Aber sowas sagte man nicht laut.
Es ging erstaunlich schnell mit der Sonne. Als es dunkler war, gingen viele davon, um zu essen. „Ja, wir holen uns auch was. Lasst uns einfach langsam zum nächsten Ort aufbrechen.“ Unterwegs hub Eagle zu einem seiner Vorträge an:
„Entweder du fühlst dich verloren, oder du musst deine Illusion aufrechterhalten. Eine Illusion. Sei es die vom großen Glück, sei es dass du allen sagst, dir gehe es so viel besser als allen anderen, du seiest im Paradies angekommen oder etwas ähnliches. Manchmal braucht man diesen Traum, um weiterzumachen. Aber eigentlich ist es, um eine alte Wunde zu heilen. Wer die Wunde nicht anschaut, kann sie aber nicht heilen, und darum verschleißt sich das Paradies, vor deinen Augen, mit der Zeit. Du erschaffst wieder deine Realität, die du kennst, alle anderen um dich herum machen es ja auch so. Das ergibt Konflikte, wenn jemand deine Wahrheit nicht sehen kann , oder will, und seine Sicht der Wahrheit kannst du auch nicht erkennen. Dann ziehen sich die Menschen zurück, in die Natur, ihr Inneres, und finden die Schuld bei den anderen.
Du lebst schon so lange damit. Mit deinem Schmerz, mit der Suche, manche heben sich so von der Wirklichkeit ab, dass sie gar nicht mehr vorwärts finden. Wer schwebt, kann schwerlich einen Schritt machen. Er befindet sich in diffuser Wahrnehmung, diffusem Licht, wo er die Richtung nicht findet. Die Wahrheit ist vielschichtig, und zugleich einfach. “
Ach. Vielleicht ist es auch einfach nur die Sonne. Wir hungern nach Sonne. Primo schritt, in Gedanken schweifend, neben den anderen beiden, es war schön, eine Art von Gesellschaft zu haben. Er mochte Eagle, der hatte schon Ideen. „Wir laufen doch alle mit halbgaren Vorstellungen davon herum, was Freiheit überhaupt sein soll. Es ist eine Kinderfreiheit, die wir hier suchen. Sand, Meer, Ferien. Keine Eltern, keine Schule, kein Staat. Und das ist so, weil man uns geknechtet hat, seit wir klein sind, sollten wir etwas werden. Und wir werden ja auch immer. Wir falten unsere Freiheit mehr und mehr zusammen, unterwerfen uns den Zwängen, erreichen Erfolge, für diese Bestätigung geben wir etwas von uns weg. “
„Ja. Stimmt. Und wenn wir uns das erst mal wiederholen, das Stück von uns selbst, ist das schon okay, nicht wahr!“ sagte Eagle etwas zu laut, so als fühle er sich leicht angegriffen. “ „Auch wieder wahr.“ Primo dachte so bei sich, dass jene, die solche Erfolge gar nicht erst erreichen konnten, sensiblere Menschen, die ausgegrenzt wurden, oder es mit dem Zusammenfalten nicht geschafft hatten, besonders nach einem solchen Ort hungerten. Und hier zu bleiben war ein Erfolg.
Wind war aufgekommen und wurde stärker. Es war allerdings ein warmer Wind. Die Wellen waren lauter. Oder schien das so, weil es dunkel war. Lara fand, in dieser Dunkelheit, die sehr viel dunkler war, als in der Stadt, war diese Naturgewalt schon ein wenig mehr einschüchternd. Ob man sich daran gewöhnte? Sie war heilfroh, nicht allein zu sein, besonders weil sie ja auch gar nicht wusste, wen man noch so traf auf dieser Party. Es waren schon etwas bizarr anmutende Leute zu sehen, an einer kleinen Kapelle, die sie jetzt passierten sassen die mitsamt Gepäck auf dem Mäuerchen an einem Baum. Es wurde gelacht und gesungen, getrunken, bestimmt rauchten die auch alle Joints. Sie wusste nicht recht, ob sie obdachlos oder Hippie oder Globetrotter oder anders zu nennen waren. Menschen, die sich nicht zusammenfalten wollten. Die bunte Kleidung unterschied sie. Kleidung aus anderen Ländern und Kulturen. Und es gab auch andere Sprachen, Gesten, und es waren auch abends noch lange die Geschäfte offen. So holten sich nun die drei bei einer kleinen Tienda Brot und Oliven, Wein und Tomaten, um ihr Abendmahl ebenfalls auf einer der Steinmauerumrandungen einzunehmen. Von dort blickten sie auf mehrere Restaurants, in denen meist ältere Paare saßen, also jene Reisenden, die sich das leisten konnten, täglich eines der schmackhaften Fischgerichte zu kosten.
Das Meer hatte sich zur Ebbe zurückgezogen und legte so steinige nasse Flächen frei, die schwarz im Lichte der Laternen glänzten, die oben an der Promenade leuchteten. Auf der Mauer gab es lebhaftes Kommen und Gehen, Grüppchen von jungen Leuten mit Hunden, Gitarren, und es wurde auch immer wieder gegrüßt in ihre Richtung, ein Schwätzchen im Vorübergehen. Es fühlte sich gut an.
Unterhalb der Mauer spielten einheimische Familien Boule. Boccia. Oder wie heißt es auf spanisch…Sie wohnen hier. Waren nie weg. Für sie ist Heimat das Paradies, oder. Jedenfalls haben sie eine. Sie wissen wo sie hingehören.
Weiter oben spielten alte Männer, die um rechteckige Tische saßen, Domino.
Fast bedauerte Lara, dass sie von diesem anheimelnden kleinen Platz nun wieder weiter wollten. Hier würde sie vielleicht jeden Abend sitzen in Zukunft. Doch nun trieb es die anderen zur Musik, und es war noch ein Stück zu laufen. Selbstverständlich ging man das zu Fuß. Es gab zwar Leute mit Autos, und wer den Berg hoch wollte, wurde auch oft mitgenommen. Aber hier, das war für Freigeister ein Katzensprung. Es ging an einigen Hotelanlagen vorüber, doch dahinter schien sich die Dunkelheit wieder bedrohlich auszubreiten. Man passierte noch einen kleinen Parkplatz, auf dem auch einige Camper standen, dahinter tauchte man tief in den Sand. Zur rechten Seite erhob sich nun wieder ein überaus hoher steiler Berg, überall lagen Felsen herum, als seien sie eben erst vom Vulkan ausgespuckt worden. Und von vorn die Wellen. Dies war ein richtig wilder Strand, an dem man auch lieber nicht schwimmen sollte, sagte Primo. Der Wind von vorn hatte sich erheblich verstärkt und Lara griff nach ihrer Jacke. Die Haare wehten wie verrückt ins Gesicht und nun verstand sie, warum so viele der Frauen ein Tuch darum banden. Auch flogen diese winzigen feinen Sandkörnchen überall hin. Na ja. Das war Natur, fast schon Wildnis. Einige Leute lagerten hinter Felsen im Windschutz, doch sie kämpften sich jetzt durch den Sand auf eine höhere Ebene, und plötzlich war der Wind wie- weggeblasen.
Ein freier Platz tat sich auf, an dem bereits ein paar Menschen eine Art Tanzplatz herrichteten. Erste Klänge elektronischer Musik brandeten auf.
An den Felshängen über ihnen schienen Vögel zu schreien. “ Das sind die pardelas, SturmTaucher. Sie brüten um diese Zeit“
Eagle hatte sich an den Rand gesetzt, mit Blick von oben zum Meer, das Wasser schien hier mit Wucht gegen die Felsen zu prallen und spritzt in weißer Gischt auf. Primo tippte ihr auf die Schulter und deutete zur anderen Seite. Dort, links hinter den hohen Berg deutete sich ein Lichtschein an. Ach ja richtig, es ist eine Vollmondnacht! So dunkel ist es also gar nicht! Lara beschloss, sich das nicht entgehen zu lassen und setzte sich neben Eagle. Sie lehnte sich mit dem Rücken an einen Stein, der war sogar noch warm! Und endlich genoss sie es, sich zu entspannen, überließ sich den Klängen und es entstand der intensive Eindruck, in einem Film zu sein. War das noch real? Nun verwischten sich diese Grenzen, der Mond tauchte auf , in seiner eigenen Geschwindigkeit, nun gut, in der der Erdumdrehung, er beleuchtete alles gut sichtbar und warf einen Streifen helles Licht auf das Wasser. Die ganze Szene verführte zu ekstatischen Empfindungen und Lara verstand schon. Nichts zählte mehr, als das. Das.
Nach einer langen Weile drehte sie wieder den Kopf, und bemerkte, dass der Rhythmus der Musik schneller wurde, es war aber keine Masse wie in der Disco, die sich wie in Trance bewusstlos stampfte, sondern sie sah Einzelne wild umhertanzen, fast schon kunstvoll, diese Menschen hier hatten schöne Körper, sie bewegten sich ständig, und fühlten sich. Und klar, auch dies konnte man eine trance nennen. Vermutlich gab es unterschiedliche Formen davon, , Lara hatte sich noch nie damit beschäftigt und es war jetzt auch egal.
Sie freute sich einfach ganz groß, hier zu sein! Und so wurde sie mit in diesen Wirbel hineingezogen. Stunden um Stunden, sie sah Gesichter, die glücklich wirkten. Und es wurden immer mehr, alle schienen sich zu kennen, und es war hier nicht die Atmosphäre von Touristen, die alle fremd waren. Sie hatte Glück, dass sie hier sein durfte! Wohl mochte es einen im Nebel mancher Drogen in andere Welten tragen, doch Lara wurde immer klarer. Ein Rausch von Klarheit, gewiss auch durch die Übermüdung, die die ganze Reise mit sich brachte, die Überfülle von neuen Eindrücken. Aber eben auch diese Art von Ort.
Irgendwann spät, ihre neuen Freunde waren gar nicht mehr da, und hatten ja wohl ohnehin vor, am Strand zu schlafen, machte Lara sich auf den Weg zurück zu ihrer Pension , ganz am anderen Ende des Tales. Immerhin konnte sie sich kaum verlaufen, denn es ging immer am Meeressaume entlang. Und noch einmal, sie spürte nun schmerzhaft ihre Füße, denn sie hatte auf steinigem Boden getanzt, in Sandalen, noch mehr wurde ihr eine Art von Unerbittlichkeit in dieser Naturlandschaft bewusst. Es war klarer als alles, was sie zuvor gesehen hatte.
Yogaschule. Es waren einige Veranstaltungen auf dem Zettel angeführt, den Lara in ihrer Pension mit anderen Broschüren und Wanderführern entdeckt hatte.
Aber sie musste sich nun erst mal wieder zu sich finden! Mindestens eine Nachricht senden, dass sie gut angekommen sei, auch wenn sie die Zuhausegebliebenen am liebsten vergessen wollte. Ja, ganz unrecht hatte dieser Eagle nicht, mit der alten Wunde. Aber wer will die schon angucken, mit 20 hat man anderes zu tun. Man ist ja vielmehr damit beschäftigt, alle Schwächen zu verstecken, damit man wieder mal wer werden kann. Da dachte man, mit 18 wär man fertig….
Da dachte man, mit 30 wäre man wer. grummelte Lara in sich hinein. Mit 30 hat man es vergessen! Jedenfalls würde sie jetzt was für die Fitness tun. Ihr taten ja alle Knochen weh! Es war schon heiss, als sie aufstand, und sich nach einer Dusche mit wenig Wasser zu dem gestrigen Cafe begab, um ein Frühstück aus Obst und cafe con leche einzunehmen. Der Wind hatte aber nicht nachgelassen, ganz im Gegenteil. Es kam ihr vor wie in der Wüste. Sie band ein Tuch um den Kopf. Heftige Böen schüttelten die Markisen, und sie hatte das Gefühl, Sand würde in den Kaffee geblasen. Wieder einmal die Natur. Dennoch schien ja die Sonne, es war hell so hell, also zu hell. Lara setzte sich nach drinnen, um Ruhe zu haben. Einige Gesichter erkannte sie nun wieder, und sie wurde auch gegrüßt. Sie tippte das wlan Passwort ein, welches an der Wand aushing. Nun war sie zwischen den Welten, weder hier noch dort. Sie war überall und verlor sich eine Weile.
Nebenan schloss Mar die Yogaschule auf. Das Rattern des eisernen Gitters, das Rufen der Begrüßungen, man sprach über die besonders hohen Wellen, die diesen Vollmond begleiten würden und wie gefährlich es sei zu schwimmen. Die Stimmen draußen hatten eine gedämpfte Tonlage, das Schiff kam an, es war jeden Tag das gleiche und doch nicht. Der Wind machte auch der Fähre zu schaffen und jedes Mal war es ungewiss, ob die Anlandung glückte. Einige neue Bleichgesichter erschienen auf der Straße, die ihr Gepäck schleppten. Und na klar, ein bisschen schauen, wer schaut, wer gefällt mir, und hier und da ein Blickkontakt. Den alten Freund von gestern hatte Lara noch nicht entdeckt, er mochte sich wieder in seine Höhle verkrochen haben. Das hatte er gestern noch nicht gewusst, so wie eben alle Entscheidungen eher spontan getroffen wurden.
Primo hatte sich tatsächlich nach wenigen Stunden unbequemen Schlafes auf den Weg gemacht. Doch er kam nicht richtig an, das Meer hatte den Zugang zu seinem kleinen Steinstrand völlig überrollt, und Himmel, er war froh dass das nicht passiert war, während er da drinnen war. Den Schlafsack hatte er höher aufgehängt, so dass er ihn vom Felsen holen konnte. Nun, also, das wichtigste trug er ohnehin mit sich herum, und er machte sich missmutig wieder auf den Rückweg in den Ort, 2 Stunden umsonst gelaufen, und er war ja auch nicht mehr zwanzig! Vielleicht sollte er sich doch mal nach einem Zimmer umhören, leider war es hier in den letzten Jahren teurer geworden und Wohnraum war knapp.
„Hey“ sagte es neben ihm, als er wieder erwachte, nach einem tiefen wohligen Mittagsschlaf im Schatten, und er konnte Lara neben sich ausmachen, in einem hübschen blauen Bikini, mit einer riesigen Sonnenbrille im Gesicht, so hätte er sie wohl nicht erkannt. „Danke fürs mitnehmen gestern. Das war wirklich so super“ schwärmte sie von der verzauberten Nacht, die in einem grellen Morgenlicht schon wieder verblasst war. Na ja, er könnte sie jetzt ein bisschen mehr fragen, was sie eigentlich vorhatte. Nur Touristin? Dafür war sie eigentlich irgendwie zu anders, zu offen. Es gibt so eine Art, an der sich Reisende erkennen, also echte Reisende. Aber ne, fragen wär nicht cool.
Frauen reden ja gern über sich,….nur wenn was unschönes passiert war,…
„Hey, weißt du was! Ein ganzes Jahr Zeit! Ist das nicht Wahnsinn!“ Aaaah. Primo drehte sich interessiert zu ihr hin und setzte sich etwas umständlich zurecht. “ „Okay. Es gibt ja Leute, die wollen in so einem Jahr die ganze Welt sehen. Oder hören nie auf, noch ein Jahr,“ …Er grinste in sich hinein. Lieber nix sagen. Es lässt dich nie wieder los. Du wirst eine andere werden. Und so vieles wird dir dann zu eng erscheinen, du passt nicht mehr in die zu kleinen Schuhe.
Am Himmel näherte sich von ferne das Geräusch des Hubschraubers, er flog auf den Berg zu. Man konnte dort nichts erkennen, es war viel zu hoch. “ Ja, da könnte wieder ein Urlauber vom Wege abgekommen sein. Oder so. Hoffentlich nichts Schlimmes passiert!“
Das würde man später wissen, denn alles sprach sich schnell herum. Manchmal kamen Schwimmer um, manchmal Wanderer. Jedes Jahr. Die Größe der unbekannten Gefahren wurde unterschätzt. Krumme Wege, Felsstürze, Wirbel, Ströme, Abgründe und enge Kurven, Hitze, Wind, – nur gefährliche Menschen gab es hier nicht so viele wie in den Städten, wo sie alle herkamen.
„Komm, lass uns nach dem sunset was essen gehen, okay?“ Pizza oder so. „Ich will es lieber langsam angehen, und vielleicht jemand finden, mit dem ich weiterreise. Allein ist das nicht überall so toll!“ Und allein ist man nie. Reisende sprechen miteinander. Es ist egal, ob man sich wiedersieht, oder nicht. Oft sieht man sich ganz woanders zufällig wieder. Es ist einsam und geborgen zugleich.
Lara sprang auf, warf die Brille ab, und lief auf das Wasser zu, um sich abzukühlen. Schönes Licht. Auch Primo war ganz froh, dass er nun etwas vorhatte, am Abend. Und seine Anwesenheit wohl ganz angenehm. Ein bisschen schmeichelhaft, oder etwa nicht!
Fortsetzung Der magische Ort 3
co) Kayute Sonnenspirit 2020


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