Der magische Ort 3

Drei Wochen später. Herr und Frau Mayer sitzen in ihrem kleinen Hotelzimmer und blicken auf das Meer. Vor dem Eingang des Hotels steht ein Polizist. Er versteht kein deutsch. Es ist untersagt, an den Strand zu gehen, nur zum Einkauf von Lebensmitteln darf man nach draußen. Die Flüge für neue Touristen wurden abgesagt.

Auch dort, also in Deutschland, gibt es keine Konzerte mehr, Schulen und Kitas sind geschlossen. Welche Katastrophe ist nun über alle gekommen? Man merkt nichts von ihr, sie ist unsichtbar. Ein offenbar gefährliches Virus ist unterwegs. Es begann in China, dort sind viele Menschen gestorben, und die ganze Wahrheit wird man von dort auch nicht erfahren. Es werden nämlich alle damit beruhigt, es sei gar nicht gefährlich, nur so wie eine Grippe. Doch wann bitte, hat man je so etwas erlebt? Dass die ganze Wirtschaft sich freiwillig in die Pleite steuert? Auf dieser kleinen Insel blieb man bisher verschont, und man möchte es auch bleiben.
Primo sah es kommen, er hat ein Zimmerchen gemietet im oberen Tal, bei Maria, welche selbst gar nicht da ist. Dennoch findet er das alles unbegreiflich, unfassbar. Er hat einen schönen Blick auf die Berge. Wie schnell und unheimlich die Behörden plötzlich alles übernehmen, so als sei man im Krieg. Alle Restaurants, Bars sind geschlossen und die Katastrophe wird sein, dass niemand mehr Geld verdienen kann. Andererseits ist das doch nun genau das, was er immer gewünscht hat: die Maschine wird angehalten, die nur mehr und mehr produziert, die rücksichtslos mit der Umwelt umging- welche Erholung: keine Flüge, keine Menschenmassen, die sich Woche für Woche in arme Länder wälzten, um dort an der Sonne zu liegen.
Auf einer ganz anderen Ebene wird es die Menschen treffen. Sie müssen mit sich selbst allein sein. Wenn die Hamsterkäufe getätigt sind, was dann? Das ewige Tun und Machen, wenn es aufhört, dann knirscht es im Gebälk. Es könnte durchaus zu Unruhen kommen. Denn die Unruhe ist in den Menschen drin. Darum sind sie ja ständig unterwegs, sie mögen nicht hingucken, auf ihre Traumageschichten, die aus langer Reihe der Vorfahren bereits überliefert werden.
Primo seufzte. Nun hat er die Ruhe, er hat alles was er wollte. Nur wünscht man sich eben das, was fehlt, oder ein Gleichgewicht herzustellen, wenn etwas zu viel ist. Die Erde oder das Universum, die machen das jetzt. Oder etwa doch ein Biowaffenlabor? Man weiß überhaupt nicht mehr, was stimmt, die Experten im Internet widersprechen sich alle und es gibt wilde Theorien, die im Radio dann wieder entkräftet werden-. So glaubt man am Ende gar nichts mehr. Zuviel von Unwahrheit, hat auch eine Wirkung…
Lara hingegen ist sehr beunruhigt. Was wird jetzt aus ihrem Neuanfang? Auch sie sitzt in ihrem kleinen Zimmer, wo nur das nötigste vorhanden ist. Es ist schockierend, niemand soll sich mehr näher kommen, alles wurde geschlossen. Und sie hört aus dem Zimmer nebenan die Töne einer Mundharmonika. Jemand spielt eine etwas wehmütige Bluesmelodie, und es wird Lara nun wirklich traurig ums Herz. Endlich Zeit, um durch den Abschied von ihrem vorherigen Lebensabschnitt zu gehen, von der demütigenden Kündigung Abstand zu nehmen, tatsächlich, das ist wohl zuerst dran, bevor ein Neuanfang ansteht.
Sie driftete ein wenig fort mit der Musik, und erst als diese aufhört, wird es ihr bewusst. Sie kommt schnell auf die Füße und öffnet ihre Tür, klopft an die Nachbartür und ruft: „Hey, thank you. Very nice!“
Und die Tür öffnet sich langsam, ein verwirrt blickender Musiker mit noch wirrerem Haar lächelt sie an, und schon gibt es wieder einen Neuanfang von etwas Neuem, eine Gemeinschaft mitten in der Isolation. Schließlich sind auch Familien miteinander in Quarantäne und nicht einzeln. Da wo so viele allein leben, ist es doch gerade in der schweren Zeit gut, im Kontakt zu bleiben, sich nach dem anderen zu erkundigen!

Er sah jung aus, und verstand kein englisch. Doch das war nicht so wichtig. „La musica es mi medicina!“ das konnte auch Lara gut verstehen. Mit dem klaren Satz winkte er ihr, einzutreten in den chaotisch kleinen Raum, darauf bedacht, sich nicht zu nahe zu kommen. Raul war höflich und wartete ab, bis sie sich auf einer Ecke des Bettes an die Kante gesetzt hatte. Ja, es war gar nicht erlaubt, Freunde zu besuchen. Doch das sah ja niemand…Raul setzte wieder an, eine neue Melodie ertönte und Lara überließ sich dem Träumen. Ihn sah sie natürlich auch an, und studierte die Linien des Gesichtes, die schlotterigen Hosen und die selbstbewusste Unschuld, die er ausstrahlte.
Es war ihr so, dass sie sich hier gar nicht verstellen musste, sie fühlte sich weich, gut aufgehoben und einfach. Alles so einfach. Später teilten sie Käse und Brot aus ihrem Zimmer, und Lara begann ihre ersten Spanischlektionen.
Es war gar nicht mehr so schlimm, einige Tage drinnen zu bleiben. Zum Einkaufen durfte man los. Wenn man einen Hund hatte, durfte man kurz raus. Dafür konnte man sich den winzigen Hund der Pensionsinhaberin ausleihen, der sehr erfreut seine vielen neuen Spaziergänge wahrnahm. Alles draußen war wunderschön- und leer. Es hatte einen völlig surrealen Anschein. Lara ging gern einkaufen. Es machte ihr jetzt Freude, Salate zu erfinden, die spanischen Leckereien auszuprobieren, und es gab auf einer anderen Art einfach keinen Druck mehr, etwas tun zu müssen. Sie hatte ja schon einige Wanderungen hinter sich, hatte die atemberaubende rauhe Schönheit der Insel kennengelernt, Schritt für Schritt sich mehr verliebt. In Steine.
Es reisten nun mehr und mehr Leute ab, die noch feste Flüge hatten. Und wer länger blieb, der hatte nun Teil an dieser gewissen Art von Intimität, die sich einstellt, obwohl man gar nichts macht. Die Pension war eine Familie. Das Ehepaar kümmerte sich um ihre Gäste, man hatte einen Fernseher, auf dem sie die ständig laufenden Nachrichtensendungen oder Seifenopern ansehen konnten. Einzeln, mit Abstand. Sie besorgten täglich die großen Kanister mit Trinkwasser. Für alle war es erst mal eine ganz große Anspannung gewesen, die neuen Umstände zu akzeptieren. Und langsam fand ein großes Aufatmen statt. Hatte hier wirklich jemand Angst, krank zu werden? Lara kam das nicht so vor. Alle bemühten sich nur, Respekt vor den Verordnungen zu zeigen, und sie trotzdem irgendwie zu hintergehen. das war ja menschlich, und Lara, die an mehr Gehorsam gewöhnt war, wurde etwas mehr locker. Sie hatte sich das ja so ausgesucht, und auf gar keinen Fall hätte sie zurück in ein Büro in der Stadt gewollt.
Sie fühlte sich geborgen. Heilmittel war die Musik in der Tat, Balsam für ihre Seele und sie lernte sogar, selbst einige Lieder mitzusingen. Auch wenn das Internet einen mit aller Unterhaltung versorgte, falls nicht gerade der Strom ausfiel, was öfter für einige Stunden passieren konnte.

Einer der Verwandten von den Domingos war Polizist, und er schaute beinahe jeden Tag herein, lehnte sich unten beim Eingang an die winzige Rezeption und berichtete wortreich von den Neuigkeiten. Die Familie diskutierte über Politik. Der Senor konnte sich frei bewegen, er hatte aber auch wirklich viel zu tun. Die Geldstrafen für Gesetzesübertreter waren recht hoch. Gern warf er Lara bewundernde Blicke zu, es gehörte sozusagen zum guten Ton. Da war eine Sprache hinter der Sprache, eine ganz andere Körpersprache, und Lara lernte und lernte. Warum nicht. Es war Spaß. Zu diesem Vollmond würde es gewiss keine Tanzveranstaltung geben. Andererseits schritt nun schon der März voran, und die Ostertage kamen näher. Dies war den Einheimischen sehr wichtig, es gab normalerweise archaisch wirkende Prozessionen, bei denen die Straßen und kleinen katholischen Kirchen geschmückt wurden. Sodann trug man die Heiligen in Form von Holzskulpturen den Berg hinauf, begleitet vom rhythmischen Klang der Chakaras und Tanzschritten. Lara hätte das gern gesehen. Sie entnahm dieses Wissen den Reiseführern. Es gab sogar eine Maria, die im Boot von einer Insel zur nächsten gefahren wurde, zu einem anderen der zahlreichen Feiertage. Aber nun konnten die Familien nicht zusammenkommen wie sonst jedes Jahr. Dabei durften sie ja schon zur Arbeit und auf die kleinen Terassenfelder, auf denen Kartoffeln angebaut wurden, Bananen, Mangos und anderes. Etwas frisches gab es immer in den kleinen Läden.
Der Mond schien bereits hell über dem Wasser. Einige der Zimmer hatten Balkone, und Lara konnte in ein solches Zimmer wechseln, ohne Aufpreis. Sie zahlte nun sowieso schon eine monatliche Miete. So konnte sie draussen an der Sonne oder draussen im Mondlicht sitzen. Sie lachten viel. Besonders wenn die Verständigung holperte. Dona Domingo brachte ab und zu eine Art Karamellpudding vorbei, oder eine Flasche Wein.
Es stellte sich heraus, dass auch Raul einer der Verwandten war, er studierte Archäologie und hätte eigentlich einige Monate Feldstudien machen sollen. So verbrachte er mehr Zeit mit seinen Büchern, in denen es um Ureinwohner und frühe Reisen der Völker ging. Auf der Insel hatte es einige Zeugnisse der alten Zeit gegeben, die sich in Höhlen erhalten hatten, sowie mysteriöse Steinkreise, die von den meisten als Dreschplätze bezeichnet wurden. Es gab auch andere Theorien, natürlich von den ausländischen Esoterikern. Archäologen aber machen keine Spekulationen. Unbedingt wollte Raul noch so viele der alten Leute befragen, nach ihrem Wissen. Da hier so viele aus-und eingewandert waren, , war das wohl nicht leicht, alles zuzuordnen. Doch trotzdem waren die meisten Familien untereinander verwandt. Sie sprachen ihren eigenen Dialekt, und Lara war froh, von Raul das Spanisch aus der Stadt zu hören, denn sonst hätte sie es sicher nicht gelernt.

Primo hatte langsam genug von sich selbst. Er sah den runden Mond an und beschloss, im Dunkeln einen Ausflug zu wagen, ohne Lampe die ihn verraten würde. Dazu musste er sich vorsichtig auf einen unebenen Weg aus grob behauenen Steinen begeben, bis zur Mitte des Tales wo ein Bach steil abwärts floss. Auf dessen anderer Seite ging es an den mit Steinmauern eingefassten Terassen wieder nach oben, Und weit oben hatte Eagle seinen Garten, er bewohnte ein Holzhäuschen, dass an eine Steinmauer angelehnt war. Die Ränder des Baches waren von meterhohen Schilfgräsern bewachsen, nur wenige funzelige Strassenlampen glühten in der Ferne, von der einzigen Strasse. Hier musste man laufen, denn alles war auf Treppen erreichbar. Primo tastete sich voran. Das war schon richtig aufregenbd und unheimlich. Dabei gab es hier nicht mal gefährliche Tiere! Nur sah er ständig welche, in den Schatten knorriger Bäume. Er näherte sich dem Rauschen und glitt fast auf dem nassen Stein aus. Frösche! Ihre Stimmen kannte er. Dann näherte sich ein toktok, da ging jemand! Primo schnaufte und sah schnell zu, dass er hinter einen großen Felsen kam. Eine alte Frau mit dem Stock in der Hand und einem Bündel Grünzeug für die Ziegen auf dem Rücken, bahnte sich langsam den Weg voran und ging an ihm vorüber, den Kopf nach unten gebeugt. Nun fühlte er sich bald wie als kleiner Junge, wenn er verbotenes Land betrat, und Abenteuerlust erwachte wieder in ihm. Aber verflixt! Wo ist denn diese Haus nochmal? Der Hippie saß bestimmt bei Kerzenlicht und Primo konnte nichts erkennen, was ihm vertraut schien. Nach einer Weile, in der er seinen Atem beruhigte, erkannte Primo die Pflanzen. Er war diesen Weg schon hunderte Male gegangen und seine Füsse kannten die Steine. Er wusste auch, wo die großen Kaktusfeigen standen, wo die Mauern, und die Wasserwege. Nun betrat er den Garten durch ein schiefes Tor, und rief leise Hola. Da war nicht mal Kerzenlicht.
„Ey Mann“ sagte der Eagle aus der Dunkelheit. „Cool dass du kommst!“
Der Eagle hatte kein Internet und es gab ne Menge zu erzählen über die außerordentlichen Zeiten. Für Eagle hatte sich gar nicht so viel geändert. In seinem wilden Garten fanden sich an versteckten Stellen auch die wunderbarsten Heilpflanzen, besonders die eine, die geraucht wurde und das Gemüt beruhigte. Primo musste zugeben, dass diese Aussicht ihn beflügelt hatte, sich hierher zu schleichen und vielleicht war er auch nicht der einzige, der im Dunkel der Nacht unterwegs war?
Er lehnte sich nun entspannt zurück und sie kicherten beide ein wenig über die eine oder andere Begebenheit. Das war das beste, was man tun konnte, eigentlich.

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